Manche Erbstücke sind mehr als alte Gegenstände. Sie erzählen Geschichten. Von Familien, von Erinnerungen und von Menschen, die zwar nicht mehr bei uns sind, aber in kleinen Momenten plötzlich wieder ganz nah erscheinen. So ging es mir mit einem alten Besteck meiner Oma – und einer bordeauxroten Samtrolle.
Als ich das Besteck meiner Oma ausrollte …
Eigentlich wollte ich nur herausfinden, wie alt das Besteck meiner Oma ist.
Zwölf Messer und Gabeln, sorgfältig eingerollt in eine bordeauxrote Samtrolle. Auf jeder Klinge ein kleiner Dreizack. Die Griffe in Hornoptik fühlten sich auch nach all den Jahren noch erstaunlich wertig an.
Was als kleine Recherche begann, führte mich plötzlich über 200 Jahre zurück – mitten hinein in die Geschichte eines Familienunternehmens aus Solingen.
Doch bevor wir dorthin reisen, möchte ich euch erzählen, warum dieses Besteck für mich so besonders ist.
Wenn Erinnerungen nach Spülmittel riechen
Ich erinnere mich noch genau daran, wie wir nach dem Essen gemeinsam in der Küche standen.
Einer spülte. Der andere trocknete ab.
Und anschließend wurde jedes einzelne Messer und jede Gabel sorgfältig wieder in die bordeauxrote Samtrolle gewickelt. Fast so, als würde man einen kleinen Schatz zurück an seinen Platz legen.


Wenn ich heute daran denke, sehe ich meine Oma sofort wieder vor mir.
Jahre später saßen wir bei einer Familienfeier zusammen. Plötzlich fragte sie:
„Anja, wo ist eigentlich dein Besteck?“
„In der Spülmaschine“, antwortete ich ganz selbstverständlich.
Daraufhin schaute sie mich mit diesem typischen Oma-Blick an.
Das Problem war nämlich: Wir hatten vergessen, die Spülmaschine überhaupt anzustellen.
Von diesem Tag an hieß sie in unserer Familie nicht mehr Spülmaschine, sondern nur noch „die faule Maschine“.
Das Besteck musste natürlich schnell von Hand gespült werden – genauso wie früher. Während wir lachten, stand meine Oma daneben und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
Inzwischen war sie längst Uroma geworden.
Sie ist heute nicht mehr bei uns. Doch der Name „faule Maschine“ hat überlebt. Noch immer sagt bei uns niemand: „Räum bitte die Spülmaschine aus.“ Stattdessen heißt es bis heute:
„Ist die faule Maschine schon fertig?“
Und jedes Mal muss ich lächeln. Nicht wegen der Maschine. Sondern weil ich sofort wieder meine Oma vor mir sehe – natürlich in ihrer Kittelschürze.
Die Geschichte von Wüsthof beginnt im Jahr 1814
Während meine Oma viele Jahrzehnte später das Familienbesteck liebevoll pflegte, begann die Geschichte von Wüsthof bereits im Jahr 1814.
Europa litt damals noch unter den Folgen der Napoleonischen Kriege. In Solingen gründete Johann Abraham Wüsthof eine kleine Werkstatt zur Herstellung von Scheren, Messern und Werkzeugen.
Gearbeitet wurde damals nicht in großen Fabrikhallen, sondern in sogenannten Schleifkotten – kleinen Werkstätten entlang der Bäche. Die Schleifsteine wurden von Wasserrädern angetrieben. Jeder Arbeitsschritt war reine Handarbeit.
Niemand konnte damals ahnen, dass aus dieser kleinen Werkstatt einmal eine der bekanntesten Messermanufakturen der Welt entstehen würde.


Warum ausgerechnet Solingen?
Wer an hochwertige Messer denkt, denkt fast automatisch an Solingen.
Das hat gute Gründe.
Schon seit dem Mittelalter entwickelte sich die Stadt zum Zentrum der europäischen Klingenherstellung. Die zahlreichen Bäche lieferten die Energie für die Schleifsteine, erfahrene Handwerker gaben ihr Wissen von Generation zu Generation weiter und die Qualitätsstandards waren außergewöhnlich hoch.
Bis heute ist „Made in Solingen“ gesetzlich geschützt.
Nur Produkte, die tatsächlich dort gefertigt werden, dürfen diesen Namen tragen.
Ein mutiger Schritt verändert alles
Mit der zweiten Generation änderte sich auch die Ausrichtung des Unternehmens.
Eduard Wüsthof erkannte früh, dass hochwertige Küchen- und Tafelmesser eine große Zukunft haben würden. Er entwickelte das Unternehmen konsequent weiter und legte damit den Grundstein für die heutige Marke.
Noch heute trägt das Unternehmen seinen Namen:
Ed. Wüsthof.
Der Mann, der mit zwei Kisten Messern nach Amerika reiste
Eine meiner Lieblingsgeschichten aus der Familienchronik spielt im Jahr 1881.
Robert Wüsthof reiste mit zwei Kisten voller Messer nach Amerika.
Dort lief zunächst alles schief.
Der Geschäftspartner ließ ihn sitzen.
Die Ware hing im Zoll fest.
Das Geld wurde knapp.
Um sich überhaupt über Wasser zu halten, arbeitete er zwischenzeitlich sogar als Tellerwäscher, Kellner und Handschuhwäscher.
Viele hätten aufgegeben.
Robert Wüsthof blieb.
Schließlich fand er einen Händler, der nicht nur seine Messer kaufte, sondern sofort eine neue Bestellung aufgab.
Damit begann der internationale Erfolg von Wüsthof.
Manchmal entscheidet eben genau ein einziger Mensch darüber, wie eine Familiengeschichte weitergeschrieben wird.
Der berühmte Dreizack
1895 ließ sich Wüsthof den heute weltbekannten Dreizack als Markenzeichen schützen.
Seitdem begleitet dieses kleine Symbol Millionen Messer auf der ganzen Welt.
Als ich auf dem Besteck meiner Oma den Dreizack entdeckte, wusste ich noch gar nicht, dass dieses Zeichen bereits seit über 130 Jahren zur Geschichte des Unternehmens gehört.
Das Wirtschaftswunder zog auch in die Küchen ein
Mein Besteck stammt mit großer Wahrscheinlichkeit aus den 1950er Jahren.
Deutschland befand sich im Wiederaufbau.
Viele Familien erfüllten sich nach den schweren Kriegsjahren erstmals wieder kleine Wünsche.
Ein hochwertiges Besteck war damals kein Alltagsgegenstand.
Es wurde zur Hochzeit verschenkt.
Zur Silberhochzeit.
Oder zu einem besonderen Jubiläum.
Es kam an Weihnachten auf den Tisch.
An Geburtstagen.
Oder wenn Besuch kam.
Vielleicht war genau das der Grund, warum meine Oma jedes einzelne Teil nach dem Abtrocknen wieder so sorgfältig in die Samtrolle wickelte.
Es war etwas Besonderes.
Tradition trifft Moderne
Heute produziert Wüsthof seine geschmiedeten Messer noch immer in Solingen.
Moderne Roboter übernehmen viele Arbeitsschritte.
Gleichzeitig bleibt das handwerkliche Wissen der Mitarbeiter ein wesentlicher Bestandteil der Fertigung.
Diese Verbindung aus Tradition und Innovation prägt das Unternehmen bis heute.
Besonders beeindruckend finde ich, dass Wüsthof auch nach mehr als 200 Jahren noch immer ein Familienunternehmen in der 7. Generation ist.

Viola Wüsthof führt das Unternehmen heute in der 7. Generation. WÜSTHOF Messer werden von Solingen aus in über 70 Länder rund um den Globus exportiert, von Reykjavík über Kapstadt und Tokio bis San Francisco.
Wir sind stolz auf unsere eigene Historie und die weltweite Anerkennung für unsere Produkte Made in Solingen. Und wir möchten auch in Zukunft Food-Fans mit Messern aus der Klingenstadt begeistern.
Das ist heute alles andere als selbstverständlich.
Warum mich diese Geschichte so berührt
Eigentlich wollte ich nur wissen, wie alt das Besteck meiner Oma ist.
Bekommen habe ich viel mehr.
Ich habe die Geschichte einer Familie entdeckt, die seit über zwei Jahrhunderten für Qualität und Handwerkskunst steht.
Vor allem aber habe ich gemerkt, wie eng Erinnerungen mit den Dingen verbunden sind, die wir von unseren Großeltern übernehmen.
Das Wüsthof-Besteck erzählt heute nicht nur von Solinger Handwerkskunst.
Es erzählt von meiner Oma.
Von gemeinsamen Familienfeiern.
Von Sonntagen in der Küche.
Von sorgfältig eingerollten Messern in einer bordeauxroten Samtrolle.
Und natürlich von der „faulen Maschine“, über die wir bis heute lachen.
Vielleicht ist genau das das Schönste an solchen Erbstücken.
Sie bewahren nicht nur Stahl und Holz.
Sie bewahren Geschichten.
Und manchmal reicht ein einziges Wort, um einen geliebten Menschen für einen kurzen Augenblick wieder ganz nah bei sich zu haben.❤️
Vom Familienbesteck zum ersten eigenen Messer
Tradition bedeutet bei Wüsthof heute nicht nur, Bewährtes zu bewahren, sondern auch die nächste Generation an das Kochen heranzuführen. Deshalb gehören inzwischen auch speziell entwickelte Kindermesser zum Sortiment. Mit abgerundeter Spitze, ergonomischem Griff und einer scharfen, aber kindgerechten Klinge lernen Kinder unter Aufsicht den sicheren Umgang mit einem echten Küchenmesser. Schließlich beginnt die Freude am gemeinsamen Kochen oft schon in jungen Jahren – und wer weiß: Vielleicht entstehen dabei genau die Erinnerungen, über die irgendwann einmal die eigenen Kinder oder Enkel erzählen werden.


Infobox: Wusstet ihr schon?
- 🗓️ 1814 gründete Johann Abraham Wüsthof das Unternehmen in Solingen.
- 🔱 Der berühmte Dreizack ist seit 1895 das Markenzeichen von Wüsthof.
- 👨👩👧👦 Wüsthof wird bis heute von der 7. Generation der Familie geführt.
- 🇩🇪 Die geschmiedeten Messer entstehen weiterhin in Solingen.
- ❤️ Manche Wüsthof-Bestecke begleiten Familien seit über 70 Jahren – und werden von Generation zu Generation weitergegeben.
Noch mehr spannende Geschichten findet ihr unter Stories!







